28. Oktober 2021
Harald Gesterkamp, Humboldstraße Zwei

Im Haus der Heimat Nürnberg las, eingeladen vom Nürnberger Kulturbeirat zugewanderter Deutscher, am 28. Oktober 2021 der Journalist und Autor Harald Gesterkamp aus Bonn, ehemaliger Redakteur beim Deutschlandfunk in Köln und bei Amnesty International, aus seinem ersten Roman „Humboldtstraße Zwei“. Der Abend wurde sehr lebendig und einfühlsam moderiert von Susanne Schneehorst, ehemalige Mitarbeiterin der Stadtbibliothek Nürnberg.

Der Roman thematisiert das Leben einer Familie aus dem niederschlesischen Jauer über drei Generationen hinweg: Aus den Augen von Richter Plackwitz erfährt der Leser, wie schwierig es in der Nazizeit war, eine neutrale Haltung der Politik gegenüber beizubehalten. Die Zeit des Zweiten Weltkriegs erlebt dessen Tochter Elise als junge Frau und hält ihre Erfahrungen als Flakhelferin in ihrem Tagebuch fest. Als Vertriebene aus ihrer Heimat beginnt sie schließlich ein neues Leben in der Bundesrepublik, lernt ihren zukünftigen Mann kennen und gründet eine Familie. Erst sehr viel später entdeckt Elises Sohn Andreas das alte Tagebuch der Mutter, die nie viel über ihre Vergangenheit erzählte, und entwickelt nach und nach das Bedürfnis, mehr über die Vergangenheit seiner Familie und über seine Wurzeln zu erfahren.

Diese drei Erzählstränge werden im Laufe des Romans geschickt miteinander verwoben und erlauben es dem Leser, ein Familienschicksal mitzuverfolgen, das zwar nicht autobiografisch, aber doch von Gesterkamps eigener Familiengeschichte inspiriert ist. So hat er, ähnlich wie Andreas im Roman, alte Unterlagen seiner Familie gefunden, wie z. B. den Entnazifizierungsbogen seines Großvaters oder das Tagebuch seiner Mutter, die ebenfalls Flakhelferin in Jauer war und an deren Lebensdaten sich Gesterkamp für die Struktur des Romans orientiert hat.

Die vorgelesenen Szenen lassen auch das Publikum nicht unberührt, denn viele der Anwesenden haben ähnliche Hintergründe. Wenn Elise im Roman mit Ehemann und jugendlichem Sohn das erste Mal seit Jahren wieder das alte Elternhaus in der Humboldtstraße 2 besucht, die Veränderungen mit ihren Erinnerungen zu vereinbaren sucht und sich über den herzlichen Empfang der neuen Bewohner wundert, dann kommen bei vielen Zuhörern und Zuhörerinnen im Publikum eigene Erinnerungen hoch – an ähnliche Reisen in die alte Heimat oder an Geschichten, die die Eltern erzählt haben. Man fragt sich und es wird im Anschluss der Lesung darüber gesprochen, warum den in Deutschland geborenen Kindern oft nur wenig oder erst sehr spät über diesen Teil der eigenen Vergangenheit erzählt wurde.

Mit seinem Roman hat Gesterkamp ein Werk geschaffen, das diese Frage vielleicht nicht zu beantworten versucht, aber dennoch dazu beiträgt, die Geschichte der Vertriebenen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Karline Folkendt