06.10.2017 12.11.2017: Reformation im östlichen Europa

War da nicht noch etwas?

Wanderausstellung Reformation im östlichen Europa

Ganz Deutschland blickte 2017 auf Martin Luther – wer den Blick weiten wollte, bezog auch noch seine Frau Katharina von Bora mit ein oder betrachtete wie das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg mit „Luther, Columbus und die Folgen“ die sich verändernde Sicht auf die Welt um 1500. Wer aber schaute in die andere Richtung, gen Osten? Dass die Entwicklungen dort nicht unter „ferner liefen“ rangieren, unterstrichen zwei Ausstellungen des Nürnberger Kulturbeirats zugewanderter Deutscher, die nicht nur die Folgen der Reformation im östlichen Europa zeigten, sondern auch einige deren Vorläufer.

Einer mehrteiligen Wanderausstellung des Deutschen Kulturforums östliches Europa ist es zu verdanken, dass sowohl in Nürnberg als auch im nahe gelegenen Lauf an der Pegnitz daran erinnert werden konnte, dass in Osteuropa die reformatorischen Glaubensströmungen einst wichtiger und präsenter waren, als viele heute denken.

Auf Vermittlung des Honorarkonsuls der Tschechischen Republik, Hans-Peter Schmidt, konnten in Zusammenarbeit mit der Stadt Lauf und der VHS Unteres Pegnitztal in der Laufer Kaiserburg fünf Wochen lang zehn Tafeln speziell zur Reformation in den Böhmischen Ländern gezeigt werden. Wie passend, wurde die Burg im 14. Jahrhundert doch durch den deutschen Kaiser und böhmischen König Karl IV. erbaut! Bei seinem Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung am 7. Oktober zeichnete Dr. Harald Roth, der Direktor des Deutschen Kulturforums östliches Europa, die Geschichte von der ersten reformatorischen Bewegung des Jan Hus um 1400 über die Hussitenkriege, die Gegenreformation und die Vertreibung nach 1945 bis ins 21. Jahrhundert nach.

Die zahlreichen Zuhörer, die insbesondere von der Sudetendeutschen Landsmannschaft und der Egerländer Gmoi mobilisiert worden waren, lauschten Roths Ausführungen und der herrlichen Musik (Ingrid und Sebastian Hausl) genauso aufmerksam wie den Worten des Laufer Bürgermeisters Benedikt Bisping und des Landrats Armin Kroder, die sich beide äußerst erfreut über die Ausstellung in ihrer Stadt zeigten. Sabine Stoll, verantwortlich für die Fachbereiche kreative Bildung, Gesellschaft, Kultur und Politik an der VHS und Mitorganisatorin der Ausstellung, hob bei ihrer Begrüßung den Wert der (Erwachsenen-)Bildung hervor, was Honorarkonsul Hans-Peter Schmidt am Ende noch einmal aufnahm, als er in einem leidenschaftlichen Plädoyer für Menschenrechte und Humanität auch auf die Sprachförderung von Flüchtlingen und deren Situation in Deutschland heute zu sprechen kam.

Wie aktuell die Themen aus Luthers Zeit bis heute doch sind: der Wert von Bildung, die Vermittlung von (Glaubens-)Inhalten in verständlicher Volkssprache, Flucht, gelebte Glaubensvielfalt sowie religiöse Toleranz.

Als Musterbeispiel der religiösen Vielfalt und des friedlichen Zusammenlebens konnte übrigens Siebenbürgen gelten. Das wurde bei der Ausstellung in Nürnberg sichtbar, welche am 6. Oktober ebenfalls von Dr. Roth eröffnet wurde. Im Krafft’schen Haus standen zwei Wochen lang elf Tafeln zum östlichen Europa allgemein und weitere zehn Tafeln speziell zu Siebenbürgen.
Die Reformation fasste in Siebenbürgen schnell Fuß und konnte sich vor allem nach 1541 entwickeln, als Ungarn in einen habsburgischen Teil, einen osmanischen Teil und das Wahlfürstentum Siebenbürgen geteilt wurde. Dass die Reformation Wittenberger Typs dabei von Kronstadt/Braşov ausging, ist ein erwähnenswertes Detail, ist Kronstadt doch eine offiziell befreundete Kommune Nürnbergs. Daneben breiteten sich (vor allem unter den Ungarn) aber auch die calvinistisch-zwinglianische sowie die unitarische Glaubenslehre aus, sodass Siebenbürgen bald völlig zersplittert war. Katholische Szekler und orthodoxe Rumänen gab es außerdem. Eingeklemmt zwischen den Habsburgern und den Osmanen konnte man sich religiöse Konflikte im Inneren nicht erlauben, sodass große Glaubensfreiheit die Konsequenz war. Diese Stabilität war derart groß, dass Siebenbürgen im 30-jährigen Krieg Ziel vieler Glaubensflüchtlinge aus Mitteleuropa war und selbst die Gegenreformation unter den Habsburgern kaum eine Chance hatte. Die evangelischen Kirchen überstanden letztlich sogar die Diktatur und den Kommunismus und sind bis heute präsent, wenngleich die lutherische Kirche A.B. durch den Exodus der Siebenbürger Sachsen nur noch rund 13.000 Mitglieder zählt.

Von der Entwicklung in Rumänien sprach am 20. Oktober auch Dr. Joachim Habbe, Pfarrer der Martin-Niemöller-Kirche in Nürnberg-Langwasser. Die Ausstellung wurde hier ein Wochenende lang gezeigt und am Vorabend stellte Pfarrer Habbe in einem Vortrag die Entwicklung der Reformation in Siebenbürgen auch im Kontext zur Entwicklung der Religion im Schwäbischen Banat dar. Er lenkte den Blick dabei auch auf die anderen Gebiete des östlichen Europas und machte das interessierte Publikum auf Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede aufmerksam.

Eine Kirche, aber auch ein Museum und ein städtisches Amt – der Nürnberger Kulturbeirat zugewanderter Deutscher hat sich im Jahr des Reformationsjubiläums bemüht, den Bürgern Nürnbergs und des Umlandes entgegenzukommen. Kirchgänger, Konzertbesucher, Museumsbesucher, Hundebesitzer und Entrichter der Zweitwohnsitzsteuer sind somit genauso der „Reformation im östlichen Europa“ begegnet wie der bewusste Ausstellungsbesucher. Ihnen allen bleibt vom großen Jubiläum 2017 hoffentlich mehr im Gedächtnis als „nur“ Martin Luther.

Dagmar Seck

Flyer Reformation im östlichen Europa

zurück