16.11.2017: Lesung zu Ehren von Viktor Schnittke

Fräulein, ein Medikament gegen Heimweh…

Gäbe es in der Apotheke wirklich solch eine Medizin, wären wir heute wahrscheinlich um einen Autor ärmer. Den Russlanddeutschen Viktor Schnittke trieb zeitlebens die Frage nach seiner Heimat um und seinem Suchen gab er nicht zuletzt in einer Vielzahl von Gedichten Ausdruck. Einen Einblick in diese Gefühlswelten erhielten die Zuhörer bei einer Lesung am 16. November im Nürnberger Zeitungs-Café Hermann Kesten.

Lange hatte auch er geschwiegen: Geboren wurde Viktor Schnittke 1937 in Engels, der Hauptstadt der wolgadeutschen Sowjetrepublik. Doch seine erste Veröffentlichung stammt aus dem Jahr 1972 – da lebte er bereits in Moskau und arbeitete als Redakteur und Übersetzer. Mit dem Tod seiner (wolgadeutschen) Mutter scheint auch die Auseinandersetzung mit seiner Herkunft größeren Raum eingenommen zu haben. Engels stand dabei nicht nur für den Ort seiner Kindheit, sondern war auch exemplarisch für das Schicksal seiner russlanddeutschen Landsleute: Im Heimatmuseum etwa fand sich einige Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg keine Erinnerung an die 170 Jahre währende Besiedlung der Region durch deutsche Bauern.

Pflüge ziehen über die Gräber.
Die Toten liegen tiefer.
Die Gemeinde von einst – vertrieben.
Die Vorväter bleiben da…

Der Deportation der Deutschen ab 1941 konnte die Familie Schnittke zwar entgehen, weil der Vater jüdischer Abstammung war. Doch in der Folgezeit wurden sie als Deutsche und Juden gleichermaßen beschimpft und verunglimpft – ungeachtet dessen, dass der Vater Harry Schnittke sich 1942 freiwillig zum Armeedienst meldete und seine Familie unter den ärgsten Entbehrungen zurückließ.

Durch das nahezu spurlose Verschwinden der Volksgruppe blieb die Familie allein zurück. Der spätere Besuch in der alten Heimatstadt Engels ist schmerzhaft:

In der Apotheke

Graue Augen, helles Haar,
weißer, makelloser Kittel…
Fräulein, haben Sie ein Mittel
gegen Heimweh? Ich bin zwar
hier zu Hause. Diese Stadt
birgt in ihren alten Gassen
meine Kindheit. Lieben, Hassen,
Fürchten, Hoffen – alles hat
hier begonnen… Doch wo sind
Spur und Sprache jenes Lebens?
Wo sein Licht? Ich such vergebens.
Alles weg, verweht vom Wind.
Niemand, der mich da noch kennt.
Bin ich wirklich hier geboren?
Hat mich meine Stadt verloren?
Fräulein, ein Medikament
gegen Heimweh…

So sehr er mit dem Schicksal seiner Landleute haderte, so schwer tat er sich manchmal auch mit der deutschen Sprache, obwohl er eigentlich über alle Zweifel erhaben hätte sein müssen: Als er später am Moskauer Pädagogischen Institut für Fremdsprachen seinen Abschluss in Englisch und Deutsch machte, konnte er besser Deutsch als seine Lehrer. Er fühlte dennoch eine Unvollkommenheit und klagte, sein Deutsch gleiche „einem verlassenen Haus“.

Du hast sie alle, die Worte.
Du zweifelst nur Heim oder Haus.
Und wählst zwischen Türe und Pforte,
dann fängst du dich: Hans oder Klaus?

Doch letztlich fand er seine Sprache, seine Stimme:

Der Anfang

Der Tag verglomm. Mein ganzes Leben lag
im Eis der Stummheit, wartend, daß ich spräche.
Ich sprach. Ich drang in dieses Eis, als bräche
ich aller Stummen Schweigen. Jeder Tag
ist mir nun Mahnung. Jeder ist Gebot,
sein stummes Sein dem Schwinden zu entreißen,
ihn zu erhalten als ein Licht im weißen
Erlöschen eines Winters. Scharlachrot,
Orangengelb und Golden, Apfelgrün,
Kornblumenblau – mein Leben trägt die Farben
der Ewigkeit. Ich starrte stumm – sie starben.
Ich nenne sie – sie leuchten auf und glühn.

Mit über 100 Gedichten und mehreren Kurzerzählungen brach Viktor Schnittke das „jahrzehntelange Schweigen“ seiner vom Schicksal gebeutelten Landsleute und gab ihnen eine Stimme. Viel zu früh, auf einer Lesereise durch Deutschland, ist er 1994 an einem Schlaganfall gestorben. Beigesetzt ist er auf dem Wwedenskoje-Friedhof in Moskau, dem ehemaligen Deutschen Friedhof.

Und was bleibt von Viktor Schnittke? Für viele ist er leider weiterhin nur der kleine Bruder des Komponisten Alfred Schnittke. Das ist mehr als bedauerlich, denn die Gedichte des Poeten wirken nach. Besonders wenn sie so mitreißend vorgetragen werden wie vom Nürnberger Rezitator und Autor Michael Herrschel. Zusammen mit Dorothea Walter, selbst eine russlanddeutsche Musikwissenschaftlerin, hat er für einen bewegenden Abend gesorgt, der nachdenklich stimmte. Sie hat den kurzweiligen Abend konzipiert und das Leben des Autors nachgezeichnet, er hat dafür gesorgt, dass die Texte beim Publikum wirklich ankommen. Was für ein Genuss, die Gedichte Schnittkes derart dargeboten zu bekommen!

Dass Alfred Schnittke bei solch einer Lesung nicht ganz außenvorbleiben konnte, versteht sich von selbst. Auf die Idee, Gedichte des einen mit musikalischen Einlagen des anderen zu kombinieren, waren die Brüder nämlich auch schon gekommen. Im Nürnberger Zeitungs-Café rundeten die beiden Musiker Natalia Levitskaja (Klavier) und Oleg Galperin (Cello) den Abend mit einem Präludium, einer Sonate für Cello und Klavier sowie der Musica nostalgica ab. Ein Schnittke kommt selten allein.

Es bleibt aber das Verdienst des Nürnberger Kulturbeirates zugewanderter Deutscher, dem Schriftsteller Schnittke zu seinem 80. Geburtstag eine eigene Lesung geschenkt zu haben.

Dagmar Seck

Flyer Lesung Schnittke

 

zurück