13.10.2017: Dem Volk ins Gesicht geschaut

Dem Volk ins Gesicht geschaut

Bruno Bradt stellt in St. Egidien in Nürnberg aus

Viele reden heute von Populismus, wir in Nürnberg, genauer in der Egidienkirche, wir schauen dem Volk ins Gesicht. Auf besondere Art, denn Bruno Bradt macht’s möglich. Martin Luther meinte, als er vor etwa 500 Jahren die Bibel ins Deutsche übersetzte, man müsse „dem Volk aufs Maul schauen“, um zu verstehen, wie einer spricht. In Anlehnung daran lautet der Titel der Ausstellung von Bruno Bradt: Dem Volk ins Gesicht geschaut. Und Bradt hat seinen Porträtierten wirklich ganz tief ins Gesicht geschaut. „Das ist für St. Egidien ein Ereignis. Wir haben den Kern der Reformation durch Sie, Herr Bradt, ganz anders entschlüsselt bekommen. Die existenziellen Nöte für uns Menschen haben sich nicht geändert. Sie, Herr Bradt, führen uns vor Augen, wer und wie der Mensch vor Gott ist“, betonte Pfarrer Martin Brons am 13. Oktober bei der Vernissage in seiner Begrüßung.

Gut Ding will Weile haben – so eine bekannte Redensart. Der im Banat 1962 geborene, seit 1984 in Bayern lebende Künstler Bruno Bradt, katholischer Christ und Fürther Grafiker nahm vor fünf Jahren Kontakt zum Nürnberger Kulturbeirat zugewanderter Deutscher auf, wir machten Bekanntschaft mit Teilen seines schöpferischen Werkes und meinten, seine zwölf Apostel gehören in einer passenden kirchlichen Umgebung gezeigt. Damit ein solches Projekt Realität wird, müssen einige Faktoren, genauer Menschen – und ein besonderes Jubiläum – zusammenkommen: Horst Göbbel führte Bruno Bradt mit dem neuen, sehr engagierten evangelischen Pfarrer von St. Egidien Martin Brons zusammen, diese schauten sich tief in die Augen und Bruno Bradts Kunst begegnete Brons‘ Egidienkirche. Das Ergebnis? Ein neues, ein lebendiges, ein vielsagendes einprägendes Kunstwerk mit faszinierenden Facetten. Zum richtigen Zeitpunkt am absolut richtigen Ort: Zum 500sten Reformationsjubiläum in einer geräumigen, einladenden, hell strahlenden, zur Eröffnung mit einer überwältigend großen Zahl von Freunden, interessierten, kulturaffinen Menschen gefüllten Kirche. Herzlich begrüßt von Pfarrer Brons, Horst Göbbel vom Haus der Heimat, Dagmar Seck, der Projektleiterin des Kulturbeirates zugewanderter Deutscher, die klarstellte, dass Bruno Bradt „eindeutig im Zentrum (auch von Nürnberg) angekommen“ sei. Dr. Andreas Meier, im Ural geboren, in Kasachstan aufgewachsen, in Kirgistan und Moskau sein Musikstudium absolviert, inzwischen in Fürth als Musikpädagoge zu Hause, flutete den passenden Raum mit ungewöhnlichen, wundersamen Akkordeonklängen: Capriccio von G. F. Händel, Präludium von B. Wechsler und nochmals ein Capriccio von J. S. Bach. So, wie Bruno Bradt sich auf seine Porträtierten eingelassen, ihnen ins Gesicht geschaut hat, so eröffnet sich auch für uns, die Betrachter die Möglichkeit, in die Tiefe menschlichen Seins hinein zu schauen, zu erahnen, wie sehr der Mensch zerbrechlich, gefährdet, letztlich der Gnade Gottes ausgesetzt ist. Neben die Ausstellung selbst und die passende Musik gesellte sich als weiterer Glanzpunkt des Abends die von Susanne Leutsch tiefgründige, weitsichtige und zugleich kunstnahe, schwungvoll, klar, gekonnt vorgetragene Laudatio. Ein Genuss, sie zu hören. Darin äußerte sie die enge Verbindung von Religionsgeschichte – das große Reformationsjubiläum 2017 – mit der Kunst, die im Chorraum dieser wunderbaren Kirche zu sehen sei. Susanne Leutsch stellte schon zu Beginn klar: „Der Reformator Martin Luther war ein Mensch mit Ecken und Kanten. Seine Verdienste auf der einen – seine Schwächen und dunklen Bereiche auf der anderen Seite – lassen uns die Symbolfigur der Reformation mit gemischten Gefühlen feiern.“ Die klare, direkte Sprache Luthers („dem Volk aufs Maul schauen“) sei auch Bruno Bradts Anliegen: Es ginge Bruno Bradt genau darum, „seinem Gegenüber bewusst ins Gesicht zu sehen und den Menschen wahrzunehmen.“ Luther quälte die Frage, wie der sündige Mensch vor Gott bestehen könne, und er fand nach langem Ringen die Antwort: Nicht Geld und gute Werke helfen uns, vor Gott zu bestehen. Luther sah den Ausweg im Glauben. Allein Gottes Gnade ist nach Luther die Rettung.“

Hier brachte sie nun Bruno Bradts Gestalten ins Spiel: Menschen, die keinen normalen Alltag haben, die es nicht schaffen, einen gesellschaftlich anerkannten Weg einzuschlagen oder auf diesem Weg zu bleiben, diese Menschen nicht aus dem Blickpunkt zu verlieren. „Hinter den im wahrsten Sinne des Wortes „Gezeichneten“ verbergen sich unterschiedliche Schicksale, von denen der Künstler in Gesprächen mit den Portraitierten punktuell mehr erfahren hat. Manche sind krank, arbeitslos, alt, obdachlos oder anderweitig auf Hilfe angewiesen.“ Die wahren zwölf Apostel. Dazu ein Werk aus seiner Jugend, gemalt für eine Kirche im Banat. Es zeigt Christus als Gekreuzigten, der sich in die Hände Gottes begibt, weil er nur bei ihm Barmherzigkeit, Liebe und Gnade erfahren kann. „In tiefster Not schreit der Mensch nach Rettung und sehnt sich danach, Hilfe zu bekommen.“ Im Triptychon „David“ gibt es ebenfalls Hinweise auf das Leben und Erlebte des Portraitierten. Bradt selbst sieht in der Begegnung mit anderen Menschen Hoffnung. „Den anderen Menschen mit dem Herzen sehen und nicht mit dem Blick des kritischen Richters, der andere be- oder gar verurteilt, das ist die Kunst. “ Schließlich zeigt das dreiteilige Bild „Leidensmachtkampf“ Bradt selbst: in kreuzigungsähnlicher Pose, am Boden liegend – nackt, bis auf ein weißes Tuch im Lendenbereich und eine Kopfbedeckung. Eine seiner radikalen Botschaften: „Hier hat einer nichts mehr im Griff – ganz ausgeliefert dem Leid und der Gnade Gottes.“ Dazu ein Appell: Jeder ist unser Nächster. „Mit Liebe betrachten und annehmen, darum geht es“, schloss Susanne Leutsch und traf damit den Nagel auf den Kopf: Bruno Bradts Kunst berührt uns durch sein unmissverständliches Credo, wir alle sind auf gleiche Art Kinder Gottes, zerbrechlich und auf dessen Liebe und Gnade angewiesen. Und Bruno Bradt? Was sagt er zu seinen 12 Aposteln? Z. B. „Im Porträt, im Gesicht steckt die meiste Aussagekraft … ich will das Innerste des Menschen im Bild festhalten, von Menschen, in deren Gesichtern das Leben eingeprägt ist … heute wollen viele ihre Lebensfalten wegbügeln … Gesichter sind wie Landschaften, ganze Geschichten sind in ihren Gesichtern eingemeißelt … es geht um Menschen am Rande der Gesellschaft, die manches auf ihren Schultern getragen haben … wie stehe ich zu diesen Menschen? Beachte ich sie auch? Sehe ich sie überhaupt?…“  Oder anders gesagt: „Bradt fokussiert das Interesse auf diejenigen, die weder durch gesellschaftlichen noch beruflichen Erfolg glänzen. Die nach konsumgesellschaftlichen Maßstäben vielleicht sogar gescheitert sind. Bradt konfrontiert sich und den Betrachter mit der Frage, wie halte ich es mit den Ausgestoßenen, Schwachen und Kranken? Er bringt uns dazu, genau hinzusehen, mit einem gnädigen Blick, der nicht fragt, was hast du geleistet, was bist du von Beruf, bist du jung, schön und erfolgreich – was hast du vorzuweisen? – sondern einem Blick der dem anderen begegnet auf Augenhöhe, mit Achtung und Respekt.“ (Martin Brons/Susanne Leutsch). Das macht hoffnungsvoll.

Horst Göbbel

Flyer zur Ausstellung

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