21.02.2014: Lesung mit Artur Rosenstern und Martina Leon in Nürnberg

„Planet Germania“ und die Chance, fremd zu sein
„der weg den ich nicht ging / liegt / im pechschwarzen nebel / in einer anderen zeit / im fernen land / hinter den wolken / ich schaue in / den spiegel / erkenne mich / nicht wieder / falsches gesicht / fremde stimme / erbärmliche laute / einer seltsamen sprache / ich bin unecht / ein doppelgänger / von wem?“ – umschreibt der Autor Artur Rosenstern das Gefühl des Fremdseins in einem kulturell fremden Land, wie es auch viele russlanddeutsche Zuwanderer in Deutschland empfinden. Um die Erfahrung des Fremdseins und der Integration, um Vorurteile und Toleranz ging es auch bei der Lesung am 21. Februar im Zeitungs-Cafe Hermann Kesten der Stadtbibliothek Nürnberg. Zwar folgten nicht so viele Bücherfreunde und Literaturinteressierte der Einladung des Nürnberger Kulturbeirats zugewanderter Deutscher zu diesem durchaus aufschlussreichen literarisch-musikalischen Abend, der in Kooperation mit dem Bildungscampus Nürnberg durchgeführt wurde, aber sie alle konnten sehr wohl auf ihre Kosten kommen. Susanne Schneehorst von der Stadtbibliothek Nürnberg moderierte die Veranstaltung.

Der russlanddeutsche Autor Artur Rosenstern, der Prosa und Lyrik in deutscher Sprache schreibt und die Bonner Schauspielerin Martina Leon lasen aus seinem vielbeachteten Buch „Planet Germania“ (M. Fuchs Verlag 2012) und präsentierten einige Gedichte von Rosenstern. Im Buch personifiziert Rosenstern am Beispiel zweier Protagonisten, die „waschechte Wessis“ werden wollen, verschiedene Verständnisse von Integration – auf eine unterhaltsame witzig-satirische Art. „Im Verstehen um das Anders- und So-Sein der menschlichen Existenz leistet seine Arbeit einen schönen und wesentlichen Beitrag“, schrieb dazu der Literaturwissenschaftler, Theaterregisseur und Intendant des Dalheimer Sommers, Dr. phil. Wolfgang Kühnhold. Auch mit dieser Lesung verfolgte der Nürnberger Kulturbeirat zugewanderter Deutscher, der die kulturellen Belange der in Nürnberg lebenden Aussiedler und Vertriebenen vertritt, das Ziel, einen Beitrag zum Kulturleben der Stadt Nürnberg zu leisten und die Kultur und Geschichte zugewanderter Deutscher in das öffentliche Intereses zu rücken.

Erkenntnisvoll: Bereichernde Texte und anspruchsvolle Musik

Es wurden sowohl humorvolle Passagen, als auch ernste und nachdenklich machende Auszüge aus dem Werk vorgetragen – gleicherweise erkenntnisvoll und bereichernd. Den Beiden gelang es, die Zuhörer in das spannende Geschehen im Buch mit einzubeziehen. Während der Autor die eigenen Texte eher mit witzig-ironischer Distanz und einer gewissen Introvertiertheit vortrug, machte Martina Leon daraus echte schauspielerische Beiträge. Auch ihr ist das Gefühl des Fremdseins nicht unbekannt. Sie studierte Theater- und Kommunikationswissenschaftlerin in München und machte eine Schauspielausbildung in Brüssel. Erfahrungen im Bereich Theater und Dramaturgie sammelte sie in Deutschland und im Ausland. Wie Offenheit gegenüber anderen Kulturen die eigene interkulturelle Kompetenz bereichern kann, konnte sie durch ihr Engagement bei zahlreichen internationalen Theaterprojekten erfahren. Heute ist sie freiberufliche Schauspielerin und auch als Lektorin und Referentin für den „Literaturkreis der Deutschen aus Russland e. V.“ tätig. Musikalisch wurde die Lesung vom Jazzsaxophonisten Oliver Marec umrahmt. Seit 2008 ist er Mitglied des andesjugendjazzorchesters und engagiert sich außerdem in den Projekten „Oliver Marec Quartett“ und „Los Blanquitos“.

Artur Rosenstern, der heute mit seiner Familie in Herford lebt, verbrachte sein halbes Leben in Südkasachstan und Kirgisien. Er wurde 1968 in Kasachstan geboren und aufgewachsen, studierte Musik an der Hochschule der Künste und arbeitete als Orchestermusiker im Staatszirkus in Bischkek/Kirgisien. Bücher spielten in seinem Leben schon immer eine große Rolle – internationale wie russische Autoren. Mit Anfang zwanzig veröffentlichte er seinen ersten Artikel in einer regionalen russischen Zeitung in Kasachstan. Mit der Auswanderung 1990 nach Deutschland musste er seine journalistischen Ambitionen erstmal an den Nagel hängen, sich neu erfinden und Erfahrungen sammeln. Mit viel Eifer widmete sich Rosenstern dem Erlernen der deutschen Sprache und betätigte sich zunächst als Privatmusiklehrer und Übersetzer.

Neben der Arbeit studierte er ferner Medien-, Musikwissenschaft und Mittelalterliche Geschichte in Paderborn und war als wissenschaftlicher Mitarbeiter für ein Musikeditionsprojekt an der Universität Paderborn und freiberuflich für einen bekannten Musikverlag und Label im Editionsbereich tätig. Gleichzeitig legte er sich 2009 einen Fernlehrgang Belletristik der Schule des Schreibens zu. Das Buch „Planet Germania“ entstand unmittelbar während des Lehrgangs – die Weiterbildung habe sein Buch-Projekt sehr gefördert, sagt er.

Die Chance, die gewohnte Heimat aus einer ungewöhnlichen und amüsanten Perspektive zu sehen

Das Buch beschäftigt sich vor allem mit dem Thema „Wie werde ich ein guter Deutscher!“ – und zwar auf eine heitere unterhaltsame Weise. Anhand situationskomischer Episoden und aus der Sicht des Russlanddeutschen Andrej erzählt Rosenstern in seinem Buch über den gewöhnungsbedürftigen Planeten Germania. Andrej und sein Freund Murat, die um 1990 aus Kasachstan nach Hannover kommen und unterschiedlicher nicht sein können, bemühen sich eifrig, das Anderssein der „echten Deutschen“ zu verstehen, und leisten so einen wertvollen Beitrag zum aktuellen Integrationsverständnis. Beide wollen waschechte Wessis werden, allerdings hat jeder seine eigene Vorstellung davon, wie sie das anstellen. Durch diese Gegensätze, charakterliche und kulturelle, entstehen immer wieder heitere und skurrile Konfliktsituationen, die den Leser wunderbar unterhalten.

„Wenn wir alle gemeinsam über die Klischees und Vorurteile untereinander lachen oder lachen können, dann lösen sich diese Klischees von alleine auf“, davon ist Rosenstern überzeugt. „Mit Planet Germania hatte ich eigentlich ein reines Unterhaltungsbuch konzipiert, staune allerdings jetzt, dass es gleichermaßen sowohl promovierte Germanisten, Ärzte und sonstige Akademiker als auch ganz normale Menschen von durchschnittlicher Bildung anspricht“, erzählt er. Mit dem Buch ist es ihm mehr gelungen, nämlich den gesellschaftskritischen Aspekt der Integration – verpackt in eine humorvolle Erzählung – in den Mittelpunkt zu rücken. „Mit viel Sinn für Situationskomik begleitet Artur Rosenstern seine Helden Andrej und Murat auf ihrem Lebenslauf in Deutschland. Sein Buch bietet den Einwohnern des Planets Germania die Chance, die gewohnte Heimat aus einer ungewöhnlichen und dadurch amüsanten Perspektive zu sehen“, schlussfolgerte die Journalistin Julia Smilga vom Bayerischen Rundfunk in der Sendung „Das interkulturelle Magazin“ (18.3.2012.

Auf ihrem Erkundungsweg begegnen Andrej und Murat vielen verschiedenen Menschen und müssen sich mit Vorurteilen jeglicher Art auseinandersetzen. Ganz schnell wird ihnen bewusst, dass nicht nur Sprachbarrieren und Vorurteile die Integration erschweren, auch Missverständnisse im Bemühen um das Zugehörigkeitsgefühl können zum Hindernis werden. Indem die Freunde von einer misslichen Lage in die nächste stolpern, lernen sie Schritt für Schritt deutschen Einwohner und ihre Gewohnheiten kennen.

Mit seinem Buch beweist Rosenstern auch, dass das Anderssein eben auch eine Chance bedeuten kann. Nicht von ungefähr steht zum „Planet Germania“ als Untertitel „Über die Chance, fremd zu sein“. So schaffen zum Schluss auch seine Protagonisten Murat und Andrej zu erkennen, dass eine erfolgreiche Integration nicht unbedingt an PS oder Millionen gemessen wird.

„Es macht Sinn, sich zu seiner Person, seiner Identität und seinen Wurzeln zu bekennen“

Vor allem am Anfang enthält Rosensterns Buch so manche Reflexionen über den eigenen Lebenslauf. Als er in einem Interview (Agnes Gossen, VadW) gefragt wird, ob er sich nun wie ein „waschechter Wessi“ und integriert fühle, meint er, die Geschichte sei nur zu Beginn autobiografisch. Ansonsten habe er da vor allem die Erfahrungen seiner Verwandten, Freunde und Bekannten literarisch verarbeitet.

„Obwohl es mir gelungen ist, die deutsche Sprache zu ‚bezwingen‘ und sie so zu beherrschen, dass einige Einheimische nicht einmal merken, dass ich woanders herkomme, überkommt mich gelegentlich das Gefühl, ich sei hier völlig fremd und nicht willkommen bzw. nicht integriert. Die Anpassungsphase am Anfang verlief bei mir komplex, wenn nicht sogar schmerzhaft. Ich wollte in der Tat ein waschechter ‚Wessi‘ werden, was ein Fremdling sicher niemals werden kann. Das ist mir zum Glück irgendwann klar geworden und ich gebe daher in dieser Hinsicht John Irving völlig recht, wenn er in seinem weltbekannten Roman ‚Zirkuskind‘ schreibt: Jeder Einwanderer bleibt zeit seines Lebens ein Einwanderer. Es hat keinen Zweck, sich zu verstecken und Menschen sein Leben lang zu beweisen, dass man nun doch dazugehöre. Vielmehr macht es Sinn, sich zu seiner Person, seiner Identität und seinen Wurzeln zu bekennen, zu begreifen, dass man gerade durch das Anderssein das Leben in einem Land aus einer ganz anderen und ungewöhnlichen Perspektive sehen und erleben kann, als das zum Beispiel die hier geborenen Deutschen tun. Und das kann in vielen Fällen ein Vorteil sein, nicht nur aufgrund von Kenntnissen der anderen Sprache“, sagt er dazu im Interview.

Mit seinem Buch „Planet Germania“ erreichte Rosenstern in den vergangenen zwei Jahren die Aufmerksamkeit der deutschen Medien. Interviews und Rezensionen gab es beim Bayerischen Rundfunk, beim WDR Funkhaus Europa und auf TV Kanal 21, in der „Neuen Westfälischen“, im „Volk auf dem Weg“, in der „Kulturpolitischen Korrespondenz“ und anderen Publikationen.

Rosensterns Veröffentlichungen von Lyrik und Kurzgeschichten sind in Anthologien und internationalen Literaturzeitschriften erschienen. Allein 2013 waren es unter anderem der Prosabeitrag „Von der goldenen Mitte“ und ein Märchentext anlässlich des Grimm-Jahres in der Wiener Zeitschrift LOG (Zeitschrift für Internationale Literatur) sowie die Kurzgeschichte „Mein Agent“ im Sammelband „Autorenträume“ im Verlag Monika Fuchs. Das Gedicht „Frost“ wurde in der Anthologie „Zwischenwelten -Zwischen den Welten“ (2013) im Bonner Free Pen Verlag veröffentlicht. Auch der Beitrag „War Väterchen Frost Kommunist?“ ist in der Literaturzeitschrift „Driesch“ (Driesch Verlag, Österreich) im Vorjahr erschienen. Rosensterns Geschichten und Gedichte landeten auf Shortlists verschiedener Wettbewerbe im deutschsprachigen Raum. Er bekommt regelmäßige Einladungen zu Interviews und Lesungen in ganz Deutschland.

Artur Rosenstern ist Mitglied des Literaturkreises der Deutschen aus Russland e. V. und 2012 in den Vorstand des Vereins aufgestiegen. Hier ist er den deutschen Almanach/Jahrbuch „Literaturblätter der deutschen Autoren aus Russland“ zuständig. Er will die besten russlanddeutschen Autoren für das Publizieren im Almanach gewinnen und auch dadurch das Image des Vereins fördern.
Weitere Informationen unter www.artur-rosenstern.de

Nina Paulsen

Das Buch von Artur Rosenstern PLANET GERMANIA (M. Fuchs Verlag 2012, 180 Seiten, 11,90 Euro) ist über Buchhandlungen oder Online unter ISBN 978-3-940078-40-7 zu beziehen. 

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