14.03.2014: Lebensgeschichten aus Ostpreußen und Russland Lesung mit Ulla Lachauer

Den vorläufigen Abschluss der kleinen Reihe über deutsche Autoren aus dem Osten, die der Nürnberger Kulturbeirat zugewanderter Deutscher mit der Stadtbibliothek Nürnberg seit September 2013 veranstaltet hat, bildete am 14.3.2014 ausgerechnet die Lesung einer Westfälin. Geht das? Absolut! Denn es stellt eine große Bereicherung dar, einmal den Blick von außen zu erleben.

Über zwei Jahrzehnte lang hat Ulla Lachauer Biographien von Menschen aus der Memelniederung, Königsberg, dem Wolgagebiet und der kasachischen Steppe erforscht und aufgezeichnet. Entstanden sind daraus nicht nur Filme und Geschichten, sondern auch mehrere Bücher, von denen die Zuhörer an diesem Abend fünf kennenlernten: „Die Brücke von Tilsit“ (1994), „Paradiesstraße“ (1996), „Ostpreußische Lebensläufe“ (1998), „Ritas Leute. Deutsch-russische Familiengeschichte“ (2002) und „Der Akazienkavalier: Von Menschen und Gärten“ (2008). Sie nennt den Abend selbst ein Experiment, nachdem sie noch nie so viele verschiedene Bücher in einer Veranstaltung gelesen hat. Ihr Ziel ist es, gemeinsame Punkte in den Geschichten der Ostpreußen und Russlanddeutschen ausfindig zu machen.

Der Blick in die Alte Heimat: Hier die ostpreußische Bäuerin Lena Grigoleit, dort Maria Pauls aus dem Dorf Lysanderhöh an der Wolga – Frau Lachauer zeigt sich überrascht davon, wie ähnlich die beiden Frauen aufgewachsen sind. Deutsche Lieder, Gedichte und Literatur spielten hier wie dort eine große Rolle, trotz der zum Teil erheblichen räumlichen Distanz zu Deutschland.

Die Vertreibung: Während die Evakuierung des ostpreußischen Gestüts Trakehnen 1944 für die einen das traurige Ende der glorreichen ostpreußischen Tradition der Pferdezucht bedeutete, erlebten andere die Flucht als großes, spannendes Abenteuer. Wolfgans Buddrus’ Kindheitserinnerungen an das Fahren auf dem Ochsenkarren, die abenteuerlichen Picknicks auf dem freien Feld und das Geschenk eines russischen Soldaten – ein Apfel „so groß wie ein Kürbis“ – lassen den Zuhörer schmunzeln.

Überraschend vielfältig auch die Erfahrung der Deportation nach Sibirien: Als die Familie von Maria Pauls 1931 nach Karaganda in Kasachstan verschleppt wurde, musste sie sich mit leeren Händen aus dem Nichts eine neue Existenz aufbauen. Marias Enkelin Rita hingegen verbrachte in den 1970ern eine „sehr, sehr glückliche“ Kindheit in dieser multikulturellen Industriestadt. Frau Lachauer könne sich das sicher nicht vorstellen, soll Rita ihr einmal gesagt haben. Doch Frau Lachauer glaubt ihr – „warum auch nicht?“

Die Neue Heimat Deutschland: Der Schock, den Rita bekam, als ihre Eltern ihr 1989 die Ausreise nach Deutschland ankündigten, wandelte sich in Begeisterung über die Sauberkeit der Städte und die ersten DM. Ganz anders erlebte Christe-Maria Kujus aus Tilsit Ende der 1940er das Leben in Deutschland: Mit mehreren Familien in einer Duisburger Wohnung zusammengepfercht fehlte ihr vor allem Privatheit. Als Flüchtling und dazu noch als Frau immer schlechter behandelt als die anderen wanderte sie bis zuletzt nach Kanada aus.

Das Heimweh und Besuche in der alten Heimat: Dass vielerorts nicht viel übrig ist von den ehemaligen Bewohnern, wird klar, als Lachauer vom Besuch einer Reisegruppe in ihrer Alten Heimat Ostpreußen erzählt. Das Elternhaus unauffindbar, die Kirche in Ruinen, ganze Dörfer von Gras und Gestrüpp verschluckt – das einzige, was immer noch so ist wie früher, sind die Wolken! Andere konnten ihre Alte Heimat erfolgreich in die Neue mitbringen, so etwa Ritas russische Mutter Anastasia Pauls, die in Kehl am Niederrhein erst richtig heimisch wurde, als es ihr gelang, ihr Saatgut aus der Steppe zu 500 Gramm schweren Ochsenherz-Tomaten reifen zu lassen.

Ulla Lachauer zieht am Ende nicht selbst den Vergleich und überlässt es somit den Zuhörern, zu entscheiden, ob die Schicksale der porträtierten Personen vergleichbar sind. Die Parallelen sind aber deutlich hervorgetreten und so nutzen die Besucher vielmehr die Gelegenheit, Frau Lachauer zu ihrer Motivation, ihrer Arbeitsweise, der schriftstellerischen Freiheit und den Reaktionen der Landsmannschaften zu befragen. Die zum Teil sehr „kniffligen“ Fragen beantwortet sie so bereitwillig wie charmant. In den 1980ern eher durch Zufall mit dem Thema in Berührung gekommen – „es hätte auch Brasilien sein können“ –, hat sie seitdem sehr von ihrer (teils auch wissenschaftlichen) Beschäftigung mit dem Osten profitiert, denn es haben sich ihr menschliche Kontakte aufgetan und sie hat sich völlig neue Welten erschlossen. Es ist ein Glück, dass sie sich trotz der anfänglichen Anfeindungen nicht davon hat abbringen lassen, weiter Biographien aufzuzeichnen: Der einfühlsame dokumentarische Einblick in die deutschen Lebenswelten und -schicksale im Osten, den sie der bundesdeutschen Öffentlichkeit damit gegeben hat, ist von unschätzbarem Wert. Kurz: Eine unheimlich sympathische Autorin, von der man sich noch viele literarische und filmische Brückenschläge in den Osten wünscht!

Dagmar Seck

Kategorie:Lesung