13.11.2016: WortWechsel zwischen Dr. Gabanyi und Dr. Fabritius im historischen Hirsvogelsaal in Nürnberg

Geht Politik ohne Geschichte? – diese Frage stellte sich der Nürnberger Kulturbeirat zugewanderter Deutscher und hat am 13. November 2016 zu einem WortWechsel im historischen Hirsvogelsaal in Nürnberg eingeladen:

Dr. Anneli Ute Gabanyi, Politikwissenschaftlerin aus Berlin, und Dr. Bernd Fabritius, Jurist und CSU-Politiker aus München, Präsident des Bundes der Vertriebenen (BdV), Präsident des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland.

Diese Art Dialog – Im WortWechsel – ist ein Novum und wurde 2016 vom Nürnberger Kulturbeirat zugewanderter Deutscher initiiert. Das Konzept ist einfach: Zwei Menschen treffen aufeinander und sprechen miteinander. Bei der Auswahl der Persönlichkeiten achtete man darauf, dass sie eine Gemeinsamkeit haben, die sie verbindet: Bei Dr. Gabanyi und Dr. Fabritius ist es, neben der Politik, der Geburtsort Siebenbürgen bzw. Rumänien. Das Thema des Gesprächs wurde vorgegeben: Geht Politik ohne Geschichte? – Politische Kultur trifft Kulturpolitik.

Gitarrenmusik von Johann Sebastian Bach und Domenico Scarlatti, meisterhaft interpretiert von Johannes Künel, umrahmte die Veranstaltung.

Nachdem das Konzept und die Akteure von Josef Balazs vorgestellt wurden, stellte er die einleitende Frage – die Frage nach der Heimat, die provokant vom Schweizer Schriftsteller Max Frisch in seinem Tagebuch formuliert wurde: Wieviel Heimat brauchen Sie?

Im Folgenden werden einige Passagen des WortWechsels gekürzt wiedergegeben:

Gabanyi:

Wir brauchen Heimat dringender als vieles andere. Ohne ein Verwurzelt-Sein in der Heimat – auch wenn wir nicht mehr dort leben – können wir uns weder in einen neuen kulturellen Raum einfügen, noch können wir uns als Individuen so entwickeln, dass wir am Ende sagen: Ja, wir haben uns hier integriert, wir leben hier und verstehen die Menschen, die hier leben, wir gehen in vielen Dingen mit ihnen konform, aber gleichzeitig haben wir unsere Wurzeln anderswo.

Die Bindung an die Heimat bleibt, was ich für sehr wichtig empfinde.

Wir müssen hier auch als Vermittler unserer Heimat wirken. Wir müssen daher auch ziemlich gut Bescheid wissen um die Geschichte Siebenbürgens.

Fabritius:

Ich beantworte die Frage aus meiner ganz persönlichen Sicht, weil ich glaube, dass Heimat etwas ganz persönliches ist. Heimat ist für mich kein geographischer Ort, sondern der Ort, wo ich mich wohl fühle, wo ich mich nicht erklären muss, sondern, wo ich einfach bin.

Ich denke, dass jeder unglaublich viel Heimat braucht. Heimat ist die Wurzel, in die ich hineinkam, aus der ich wachsen kann.

Und nun das eigentliche Thema unseres WortWechsels: Geht Politik ohne Geschichte?

Politik ist die Quelle der Geschichte. Aus der Politik entsteht Geschichte. Wir müssen in der Politik Entwicklungen antizipieren, vorwegnehmen, überlegen, was könnte sein. Im Idealfall wird aus einer erfolgreichen Politik Geschichte. Nicht erfolgreiche Politik wird nie in die Geschichte einziehen, sie wird verschwinden. Politik ist die Gegenwart der Geschichte.

Auf der anderen Seite ist Geschichte natürlich Quelle der Politik.

Es drängt sich die Frage auf: Kann man aus der Geschichte für die Politik lernen? Wunschdenken: Ja, man kann. Realität: nicht immer. […]

Gabanyi:

Geschichte und Politik! Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass Geschichte etwas Gegebenes ist, dass Geschichte eine feste Größe ist, eine feste Interpretation von Fakten. Geschichte wird immer wieder neu interpretiert. Fakten aus der Geschichte werden neu ausgewählt, neu recherchiert, und angesichts der politischen Verhältnisse instrumentalisiert, verwendet oder eben totgeschwiegen. […]

Das Problem ist, dass Geschichte nicht mehr der Hintergrund und keineswegs ein einheitlicher Hintergrund ist, vor dem Politik stattfindet, auf die Politiker zurückgreifen können …

Die Menschen brauchen einen gewissen Halt in nationalen Werten, die nicht übertrieben, die nicht chauvinistisch sind, die aber eine gewisse Identifikation mit unserem Land, mit unserer Geschichte ermöglichen.

Fabritius:

Geschichte ist keine fixe Wissenschaft … sie ist Interpretation…

… Natürlich kann man in Deutschland alles sagen. Man muss aber nicht alles sagen wollen! … wenn es sich nicht um Realität handelt … sondern, wenn von den social-media eine negative Scheinrealität aufgebaut wird.

Das ist ein Problem, dass wir lösen müssen, weil es eine Gefahr für unser demokratisches System darstellt. Unser demokratisches System baut auf der Meinungsbildung bei jedem Einzelnen auf. Setzt aber auch voraus, dass es für diese Meinungsbildung die richtige Grundlage gibt. … Das, was ich als Information gespiegelt bekomme, entspricht heute leider nicht mehr so der Realität, wie es das vor der social-media-Zeit war. Das ist ein Punkt, der mir Sorgen macht.

Was mir noch Sorgen macht, ist eine Renaissance der „Nationalismen“ in Europa. Politiker-Kollegen verwenden den Begriff von Renationalisierung. Das halte ich für falsch. Ich finde eine teilweise Rückkehr in Europa zum nationalen Staat – nach dem Motto: mehr Eigenständigkeit, mehr Nationalstaat im Kleinen, dafür mehr Europa im Großen – für richtig.

Gabanyi:

Globalisierung wird sehr häufig (ausschließlich) mit der EU gleichgesetzt, was falsch ist. Globalisierung bedeutet, dass die Akteure in der Wirtschaft nicht mehr national sind; sie sind supranational, sie sind verflochten, das sind Riesenunternehmen, undurchsichtig, intransparent und niemandem mehr verantwortlich – auf der einen Seite. Andererseits bleiben die sozialen Verpflichtungen beim Nationalstaat. Der Nationalstaat kann das nicht schaffen. Und das führt zu einer Krise, die immer schlimmer wird.

Zum Begriff „Politische Kultur“: in Deutschland meint man, es sei politischer Benimm. Die viel ältere angelsächsische Interpretation dieses Begriffs ist aber eine andere. Diese besagt: Politische Kultur ist wertfrei, sie ist beschreibend, also deskriptiv, sie beschreibt die subjektive Reaktion der Menschen auf das objektive Geschehen.

Sie wiedergibt sowohl die subjektive Sicht der Wirtschaft, die subjektive Sicht auf das Verhalten der Politiker, auf Werte, auf Identitäten etc.; also immer subjektiv.

Und damit muss der Politiker dann zurechtkommen. Und das ist die Schwierigkeit, man kann dagegen nicht ankämpfen, weil es immer wieder um subjektive Befindlichkeiten geht.

Fabritius:

zu Globalisierung … die EU ist gerade ein Gegenmodell zur Globalisierung.

Die EU ist Einheit in einer Gruppe, die EU ist ein Zusammenschluss von Staaten; sie wollen gebündelt Interessen vertreten, um die einzelnen Staaten ein bisschen stärker zu machen. […]

Josef Balazs

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